Was tun gegen die „Mental Health Crisis“ der Kinder?

Klinikdirektor Professor Romanos kritisierte ineffiziente Präventionslandschaft

Professor Romanos forderte eine bessere Versorgung von jungen Menschen, die psychische Probleme haben (c) C. Dillig
Professor Romanos forderte eine bessere Versorgung von jungen Menschen, die psychische Probleme haben
Datum:
Mo. 10. Aug. 2026
Von:
Christiane Dillig

In Deutschland gibt es immer mehr Kinder und Jugendliche, die mit psychischen Belastungen kämpfen. Auch nach dem Ende der Corona-Pandemie sind diese nicht zurückgegangen. Trotz eines gut ausgebauten Versorgungsangebots steigen die Wartezeiten bei Fachkliniken und Fachkräften. Prof. Dr. Marcel Romanos, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg sieht ein wesentliches Problem in einer zersplitterten und ineffizienten Versorgungs- und Präventionslandschaft. Was tun gegen die „Mental Health Crisis“? Eine Reform des Gesundheitssystems sei unbedingt notwendig, forderte er in seinem Vortrag beim Familienbund. Prävention müsse früher erfolgen; ein auffälliges Verhalten von Kindern solle möglichst schon bei der Schuleingangsuntersuchung in den Blick genommen werden.

Werden die Kinder in unserem Land immer kränker? Oder halten wir nicht mehr so viel aus? Sagen wir früher, wo etwas belastet? Zahlen belegen laut Professor Romanos, dass psychische Störungen kontinuierlich zunehmen. Dies sei umso erschreckender als die Geburtenrate zurückgehe. Die Hälfte aller psychischen Erkrankungen trete erstmalig bis zum 18. Lebensjahr auf. Das müsse den Fokus auf die jungen Menschen lenken. Teile ihres Gehirns, die das Verhalten, die Emotionen oder die Kontrolle von Impulsen prägen, befänden sich noch in der Entwicklung. Und die Herausforderungen seien groß. Da gebe es die ängstlichen, sensiblen, zurückgezogenen Kinder auf der einen Seite und die Widerständigen, leicht Ablenkbaren, die sich zu nehmend nicht an Regeln halten, auf der anderen Seite einer Skala. Beide könnten problematische Verhaltensweisen entwickeln, wenn dies nicht zu einem frühen Zeitpunkt erkannt und behandelt werde. Man müsse die Resilienz der jungen Menschen stärken.

Die Vorsitzenden des Familienbundes, Christiane Kömm (r.) und Petra Schuckert von der Katholischen Elternschaft (l.) freuten sich, Professor Marcel Romanos zum Vortrag begrüßen zu können. (c) C. Dillig
Die Vorsitzenden des Familienbundes, Christiane Kömm (r.) und Petra Schuckert von der Katholischen Elternschaft (l.) freuten sich, Professor Marcel Romanos zum Vortrag begrüßen zu können.

Professor Romanos forderte gesetzliche Regelungen ein, um schädliche Einflüsse auf die Entwicklung der Kinder zu minimieren. Dazu zählte er etwa eine Abgabe für Firmen, die stark zuckerhaltige Lebensmittel und Getränke verkaufen, aber auch mehr Aufklärung über die Beeinträchtigung der Gesundheit durch Cannabiskonsum. Für ihn macht es Sinn Getränke analog zu Alkopops zu besteuern. Dies habe etwa zu einem Rückgang des Komasaufens geführt. Verbote von Online-Wetten und E-Zigaretten gehörten ebenso dazu wie Altersbegrenzungen und -verifikation und die Regulierung digitaler Medien.

Letztere könnten laut Romanos eine ganze Reihe von Schäden anrichten. Die Inhalte förderten Selbstverletzung, Essstörungen, Gewaltanwendung. Der Referent verurteilte, dass sich im Netz Pädophile ungestraft austoben könnten. Ein Viertel der Kinder werde im Internet von Erwachsenen zu einem Treffen aufgefordert; von jedem fünften Kind forderten diese ein Foto an. Seine Aufforderung an die Eltern. „Wir als Verantwortliche müssen mehr kontrollieren, wo unsere Kinder unterwegs sind.“ Das gelte auch schon für die Acht- bis Neunjährigen.

Romanos beobachtet auch eine deutliche Zunahme von Mobbing im Internet sowie zunehmend mehr Kinder, die Computerspiele riskant nutzen. „Hier geht es ums Geld“, sagte der Arzt und beklagte unfaire Marketingstrategien. Das Spielen sei „eine Anleitung zum Unglücklichsein“.

Eine Studie aus dem vergangenen Jahr habe eine riskante Nutzung sozialer Medien bei mehr als einer Million Kinder und Jugendlichen errechnet. Die Auswirkungen auf die Psyche seien deutlich zu sehen: Mehr depressive Symptome, mehr Angst, ein höherer Stresslevel, eine schlechtere Emotionsregulation und eine schlechtere familiäre Kommunikation und Familienfunktionalität. Kein Wunder, dass sich Eltern um die kindliche Mediennutzung sorgen, sich Vorwürfe bezüglich ihrer mangelnden Vorbildfunktion machen und unsicher sind, was sie tun können.

Der Referent verwies auf etliche gezielte Angebote für Kinder mit einem hohen Risikopotential, die sich als erfolgversprechend erwiesen hätten. Jedoch gebe es in Deutschland auch viele Präventionsprogramme, die nicht ausreichend auf ihre Wirksamkeit hin untersucht seien, sich sogar negativ auswirken könnten. Der Arzt forderte noch bessere Studien und eine flächendeckende Einführung von Präventionsprogrammen, auch den Ausbau digitaler Interventionsmöglichkeiten. Früh zu therapieren sei wichtig. Eine Reform des Gesundheitssystems in diese Richtung sei überfällig. Die Regulation sozialer Medien müsse zudem auf europäischer Ebene erfolgen. Zahlreiche Fragen schlossen sich an den Vortrag an.

Professor Romanos ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für Präventionsforschung Psychische Gesundheit und Präventionsbeauftragter für psychische Gesundheit und Sucht des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit, Pflege und Prävention.