Mehrkindfamilien trafen sich in Bamberg zum Erlebnis- und Begegnungstag

Familien mit vielen Kindern sichtbar machen

Zirkus_Erlebnistag 5k (c) Christiane Dillig
Zirkus_Erlebnistag 5k
Datum:
Mi. 10. Juni 2026
Von:
Christiane Dillig

Bamberg – Wenn die junge Erlanger Familie auf dem Spielplatz ist, fühlt sie sich oft unverstanden. Mit ihren fünf Kindern bietet sie dort einen ungewohnten Anblick. Gerne waren die jungen Eltern daher der Einladung des Familienbundes der Katholiken zum Erlebnis- und Begegnungstag für kinderreiche Familien gefolgt. Einen ganzen Tag lang
hatten Eltern mit mindestens vier Kindern die Gelegenheit, sich mit anderen Eltern auszutauschen. Mitinitiator der Einladung war die „Familienstiftung Kinderreich“.
Der vormalige Erzbischof Dr. Ludwig Schick hatte diese vor etwas mehr als 20 Jahren ins
Leben gerufen. Dieser Tag war zugleich ein Tag des Übergangs. Denn der Bischof emeritus übergab die juristische Verwaltung der Stiftung an seinen Nachfolger im Amt, Erzbischof Herwig Gössl.
„Ich möchte dieser Stiftung Zukunft geben“, so sein Anliegen. Auf diese Weise zeige sich auch,
dass das Erzbistum Bamberg eine kinderfreundliche Diözese sei und bleibe.

Podium_Erlebnistag 1k (c) Christiane Dillig
Podium_Erlebnistag 1k

Über 30 Familien hatten sich für den Erlebnistag angemeldet und so bevölkerten Eltern und Kinder, vom Säugling bis zum Jugendlichen das weitläufige Gelände des Don Bosco Jugendwerks. Es gab genügend Platz zum Rennen und Toben, aber auch eine ganze Reihe von Aktionen für die Jugend. Da gab es einen Spieleparcours, aber auch einen Zirkus und
einen Theaterworkshop; Feuerjonglage stand zur Wahl oder die Herstellung eines Kreisels,
der mithilfe einer Batterie in Bewegung gesetzt werden konnte. Man konnte seine Kräfte
erproben und Bouldern gehen, oder Techniken zur Stärkung gegen das Mobbing erlernen. Unter dem Motto „Finde den Schatz in dir“ konnte man sich sogar auf die Suche nach dem Glück machen. Auch die Eltern durften sich am Nachmittag in verschiedenen Workshops etwa der Entspannung widmen oder an einem Gesprächstraining für Paare teilnehmen.
Der Vormittag war jedoch erst einmal einem ernsten Thema gewidmet, der psychischen
Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Wie geht es ihnen heute? Podiumsdiskussion
Kompetente Gesprächspartner auf dem Podium im Zirkuszelt waren der Initiator der „Familienstiftung Kinderreich“, Erzbischof em. Dr. Ludwig Schick, die Chefärztin für
Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters am Bezirkskrankenhaus Bayreuth, Dr. Kerstin Hessenmöller, die ehemalige bayerische
Gesundheitsministerin, Landtagsabgeordnete und Vorsitzende der Kinderkommission
des bayerischen Landtags, Dr. Melanie Huml und die Vorsitzende des Familienbundes, Christiane Kömm. In einer Stadt habe sie ein Plakat gesehen, auf dem von der „Generation Zukunftsangst“ die Rede war, erinnerte sich Huml. Das habe sie sehr erschreckt, denn in der eigenen Jugend habe sie nach Abschluss der Schule das Gefühl gehabt, ihr stehe die
Welt offen. Dies wolle sie auch ihren und anderen Kindern ermöglichen. Große Herausforderungen, Überforderung und Überlastung waren Begriffe, die auch Christiane
Kömm und Erzbischof em. Schick benutzten. Eltern seien oft überfordert, weil ihre Kinder
überfordert seien. 25 Prozent der Kinder heute seien psychisch belastet, untermauerte die Ärztin Hessenmöller dies mit Zahlen. Sie sieht täglich Kinder, die eine psychische oder körperliche Erkrankung haben, sieht Kinder, die sagen, dass sie nicht mehr weiterleben möchten, ihr Leben, ihren Alltag nur mit Drogen zu bewältigen glauben. Da sei viel
Hoffnungslosigkeit zu spüren. Viele ihrer Patienten kämen aus zerstörten Familien, litten
unter Eltern, die sich streiten oder trennen wollen, seien orientierungslos, könnten Stresssituationen nicht mehr bewältigen. Ihnen könne besser geholfen werden, wenn die ambulante Versorgung und nicht die stationäre ausgebaut werde. Sie kämpfe für mehr Tagespflegeplätze und mehr Fachkräfte an ihrer Klinik.

Elternhaus als Schutzfaktor
Die Familienbundsvorsitzende sieht ein funktionierendes Elternhaus "als wesentlichen
Schutzfaktor für ein gesundes Aufwachsen von Kindern. Auch das Aufwachsen mit Geschwistern sei wichtig, um so ein soziales Verhalten und Rücksichtnahme zu erlernen."


Auch bei einer Trennung der Eltern sei es wichtig, dass diese sich weiter einvernehmlich um die Kinder kümmern. Erzbischof em. Schick unterstrich, wie wichtig ein religiöses
Leben in den Familien sei. Es sei gut zu wissen, „dass es jemanden gibt, der um mich weiß und sich um mich sorgt“. Aus der Liebe Gottes könne man nicht herausfallen. So könne der christliche Glaube zu Resilienz beitragen. Wichtig für Kinder und Jugendliche seien auch ein verständnisvolles Umfeld, sich Zeit für sie zu nehmen, sie reden zu lassen und zuzuhören.
„Nutzen Sie die wertvolle Zeit, wenn sich das Kind an Sie als Eltern wendet“, appellierte
auch Hessenmöller an die Eltern. Das gelte für den Säugling, der den Kontakt mit seiner möglicherweise durch ein Handy abgelenkten Mutter sucht, wie auch für den pubertierenden Jugendlichen, der immer seltener den Rat der Eltern erwartet. Viele weitere
Fragen der Eltern wurden von dem Expertengremium diskutiert.

Angeregt durch den Erlebnistag will Melanie Huml das Thema Mehrkindfamilien auch in die Gespräche der Kinderkommission einbringen, „Es wäre wichtig, diese sichtbar zu machen.“ Das Gremium entwickelt Empfehlungen, wie die Lage von Kindern in besonderen Lebenszusammenhängen verbessert werden kann und reicht diese an die entsprechenden Ministerien weiter. Bei einem letzten Zusammentreffen im Zirkuszelt erteilten die beiden Bischöfe Eltern und Kindern abschließend den Segen. Zugleich wechselte die Zuständigkeit für die Stiftung. Erzbischof em. Schick ist selbst in einer großen Familie aufgewachsen und hat dieses Zusammensein stets als sehr wertvoll erfahren. „Kinderreiche Familien sollen
Anerkennung und Wertschätzung erfahren, die sie zu oft in der Gesellschaft nicht finden“, erläutert er die Beweggründe für die Errichtung der Stiftung. Die Gesellschaft leide nicht unter Überalterung, sondern an „Unterjüngung“. Kinderreiche Familien seien wichtig
für die Zukunft, denn hier lernten die nachfolgenden Generationen Verhaltensweisen wie Teilen, Rücksicht nehmen und Verzicht, Einsatz fürs Gemeinwohl und Kompromissbereitschaft und würden so familienfähig. Viele kinderreiche Familien bräuchten Hilfe. In den vergangenen Jahren konnten mit Stiftungsmitteln Dinge wie ein
Kinderbett, eine Waschmaschine, ein Musikinstrument oder einer Sportausrüstung erworben oder auch einmal die Heizungs und Stromrechnung bezahlt werden. 
Vorbereitet, koordiniert und durchgeführt hatten den Erlebnistag Haupt- und Ehrenamtliche des Familienbundes, Vertreter des Fachbereichs Ehe und Familie im Erzbischöflichen Ordinariat sowie das Team des Don Bosco Jugendwerks, auf dessen
Gelände der Begegnungstag stattfand.