„Familien sind von den gesellschaftlichen Ansprüchen häufig überfordert.“ - Diözesanfamilienrat im Gespräch mit Jonas Glüsenkamp

Datum:
Di. 29. Juni 2021
Von:
Susanne Neubauer

Im Juni traf sich der Diözesanfamilienrat in Bamberg das erste Mal seit Ausbruch der Corona-Pandemie zum Politikergespräch. Der diesmalige Gesprächspartner war Jonas Glüsenkamp (Bündnis 90/Die Grünen), der zweite Bürgermeister der Stadt Bamberg, mit dem neben den familienfreundlichen Konzepten der Mobilitätspolitik auch über die Familien während der Corona-Pandemie gesprochen wurde.

DFR im Gespräch mit Bambergs zweitem Bürgermeister Jonas Glüsenkamp (c) Susanne Neubauer
DFR im Gespräch mit Bambergs zweitem Bürgermeister Jonas Glüsenkamp

Derzeit stehen die Zeitpolitik und die damit einhergehenden politischen Herausforderungen ganz besonders im Fokus der Arbeit des Diözesanfamilienrates. Glüsenkamp betonte hierzu, dass sich die ‚klassischen‘ Rollenbilder zunehmend auflösen würden und sich damit ganz andere Perspektiven ergäben. Vor allem in der Rush-Hour des Lebens würden gesellschaftliche Ansprüche Familien oft überfordern. Zudem gibt es eine Veränderung der Strukturen vor Ort, also in Stadt und Dorf. Dies wurde vor allem in der Corona-Pandemie deutlich. Während Familien, die bereits im Hilfesystem der Stadt Bamberg eingegliedert waren, recht gut weiterbetreut werden konnten, war die Polizei in anderen Bereichen vor allem auf Hinweise aus der Nachbarschaft angewiesen, wenn es z. B. um Fälle von häuslicher Gewalt ging. Die Polizei und die Teilnehmer des Corona-Sozialgipfels der Stadt Bamberg gehen davon aus, dass die Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt während Corona noch zugenommen haben und es eine sehr hohe Dunkelziffer gibt.

Des Weiteren wurde über die Familienbildung und Familienberatung diskutiert. Hierbei betonte Diözesanvorsitzende Christiane Kömm, dass immer mehr junge Familien rückmelden würden, dass ihre Beziehung unbedingt gelingen müsse. Auch Glüsenkamp bestätigte diesen Eindruck und führte dies auch auf die Trennungserfahrungen zurück, die heutige Erwachsene als Kinder gemacht haben. Dennoch betonte er, dass es bei der Familienberatung immer auf den Einzelfall ankomme und dies auch so bleiben müsse. Es gäbe Fälle, in denen ein Festhalten an einer Beziehung schädlich für die Beteiligten und vor allem für die Kinder wäre. Diözesanvorsitzende Kömm betonte, dass es bei der Familienberatung vor allem auf Präventivprogramme ankomme, „bevor das Kind in den Brunnen“ gefallen sei. Sie betonte zudem, dass Alleinerziehende häufig von einem erhöhten Armutsrisiko getroffen wären. „Kinderarmut heißt Familienarmut“, so Kömm.

Ebenso verschärfte die Corona-Pandemie die finanzielle Situation in vielen Familien, besonders beim Wohnraum. Von Seiten des Diözesanfamilienrates wurde die prekäre Wohnraumsituation von Familien, besonders im einkommensschwachen Bereich, thematisiert und auch auf die gesundheitlichen Folgen z. B. durch einen ungeeigneten Arbeitsplatz hingewiesen. Einen großen Unterschied in der Wohnsituation gibt es zwischen Stadt und Land. So müsse die Stadt Bamberg Wohnungen in städtischer Hand behalten, um die Mieten bezahlbar zu machen, erklärte Glüsenkamp. Im ländlichen Raum hingegen müsse die Förderung von Stadtkernen auch durch den Abbau bürokratischer Hürden gefördert und nicht nur Bauland ausgeschrieben werden. Auch Wohnungs- bzw. Häusertauschbörsen sind vorstellbar, wie der Diözesanfamilienrat betonte. Verbunden mit der Steigerung der Attraktivität des ländlichen Raumes sei der bezahlbare Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, so Glüsenkamp.

Als weiteres Thema wurde die Begleitung von Berufseinsteigern in Ausbildungsberufen besprochen. Es müssen Ansprechpartner zur Verfügung stehen, die für Auszubildene da sind, betonte der Diözesanfamilienrat. Eine weitere Akademisierung ist nicht wünschenswert. Glüsenkamp bestätigte dies und schlug vor, zwei Ansprechpersonen – eine fachliche und eine soziale – zu etablieren, die den Berufseinstieg erleichtern würden.

Insgesamt war man sich darüber einig, dass in der Familienpolitik – kommunal und auf höherer Ebene – ein einheitliches Konzept geschaffen werden muss, das die Pluralität und die individuellen Bedürfnisse von Familien bestmöglich fördert.