Soziale Medien gewinnen stetig an Einfluss auf das Leben von Kindern und Jugendlichen und können Auswirkungen auf ihre physische und psychische Entwicklung haben. Dies beobachten Eltern mit großer Sorge. Die Katholische Elternschaft Deutschlands (KED) in der Erzdiözese Bamberg nahm dies zum Anlass, zu einem Elternseminar ins Bistumshaus St. Otto einzuladen. Die Familientherapeutin Petra Friederichs und der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Psychotherapeut Prof. Dr. Edgar Friederichs führen in Bamberg eine Schwerpunktpraxis zu Verarbeitungsstörungen.
In ihrem Vortrag zum Thema „Die Macht der sozialen Medien auf unsere Kinder“ verbanden sie Informationen zu Gehirnreifung und psychischer Entwicklung junger Menschen mit Aussagen von Studien zu den Auswirkungen der Technologisierung und verbanden dies mit Erfahrungen in der eigenen Praxis. Ihre Forderung: Man muss die Medienkompetenz von Eltern unbedingt fördern – und es müsse Druck auf Kultusbehörden und Regierung ausgeübt werden, um einen zu frühzeitigen Umgang von Kindern und Jugendlichen mit den sozialen Medien zu verhindern. Denn: „Es geht hier um das Kindeswohl“, machten die Experten deutlich.
Soziale Medien böten Chancen. Sie stellten die Gesellschaft und Erziehung jedoch auch vor große Herausforderungen, sagte die KED-Diözesanbeauftragte Petra Schuckert. Sie verwies auf die Ergebnisse einer Medienstudie der DAK, nach der Mediensucht bei Kindern und Jugendlichen verbreitet sei. Und sie sprach die Entscheidung Australiens an, Jugendlichen unter 16 Jahren die Nutzung sozialer Medien zu verbieten. Demgegenüber gebe es Kinderschutzorganisationen, die statt pauschaler Verurteilung einen möglichen Weg in der Erlangung größerer Medienkompetenz sehen.
Für den Arzt Dr. Edgar Friederichs ist die Nutzung von Smartphones in jungem Alter ein Problem für die Bindung und die Beziehungsfähigkeit junger Menschen. Der häufige Blick der Eltern auf die kleinen Bildschirme führe zu einer Reduktion von Blickkontakt, Berührung. Lautäußerung der Eltern und somit zu einer Reduktion der sozialen Interaktion. Die Entwicklung des Gehirns von Kindern sei abhängig von Wahrnehmungsprozessen, die beim Umgang mit Smartphones eingeschränkt seien. Eine große und schnelle Informationsflut sei für die Verarbeitungsfähigkeit kleiner Gehirne problematisch. Erst einmal müssten Mimik und Gestik der Eltern gelesen werden können. Die Motorik müsse sich entwickeln. Beziehung müsse entstehen.
Die frühzeitige Verwendung sozialer Medien hat, so Friederichs, eindeutige Folgen. So trainierten sie flüchtige Blickbewegungen, reduzierten Aufmerksamkeit und koppelten emotionale und soziale Bedeutung nur an Oberflächenreize. Durch eine permanente Dopaminausschüttung werde das Belohnungssystem gestärkt, was dann zur Sucht führen könne. Untersuchungen in den USA hätten gezeigt, dass ein Anstieg an Diagnosen wie ADHS, Autismus, Lernschwierigkeiten, Angststörungen und Depressionen deutlich parallel zum Anstieg der Nutzung von Smartphones erfolgt sei.
Auch Petra Friederichs sieht in den sozialen Medien, Videos, Chatbots und Co. eher eine Gefahr für die Entwicklung junger Menschen, der sie hilflos ausgeliefert seien. Sie verwies auf eine erst kürzlich veröffentlichte Studie zur Mediennutzung junger Menschen. 10- bis 17-Jährige bewegten sich werktags 146 Minuten pro Tag in den Sozialen Medien, am Wochenende noch länger. Die Einsamkeit steige und Chatbots würden zu „besten Freunden“. Fast ein Drittel der 6- bis 10-Jährigen sei allein im Netz unterwegs. Ältere seien mit Cybermobbing konfrontiert. Die Zahl der Suizide unter jungen Leuten steige.
Was tun? „Medienerziehung muss vor allem zuhause stattfinden“, ist die Forderung des Therapeutenpaars. Denn Kinder lernten am Modell Eltern. Und diesen müsse eindeutig mehr Medienkompetenz vermittelt werden. Dies bedeute, Eltern zu informieren, um sie rechtzeitig auf mögliche Entwicklungsverzögerungen, auf Lern- und Leistungsstörungen aufmerksam zu machen. Man könne nicht früh genug mit der Ansprache der Eltern beginnen, am besten schon durch den Gynäkologen und die Hebamme, sagt Petra Friederichs. Denn der richtige Umgang mit sozialen Medien sei keine Frage des Erziehungsstils, sondern eine Frage des Kindeswohls. Eltern sollten einen bewussten Umgang ihrer Kinder mit Smartphones, PC, Tablets und Fernseher fördern. Sie sollten den Kindern analoge Beschäftigungsmöglichkeiten ermöglichen, die reale Interaktion mit anderen Kindern unterstützen oder sie etwa zum Mithelfen bei Tätigkeiten im Haus auffordern. Beschränkung der Bildschirmzeit, keine Bildschirme zur Beruhigung, Zeit für Rituale und gemeinsame Aktivitäten, das Gespräch über die Risiken, wenn man persönliche Dinge ins Netz stellt, sind weitere Ratschläge.
Und der Schutz der Kinder müsse deutlich eingefordert werden, bei Schulen, Vereinen. Nach Ansicht der Referenten ist eine Regelung durch die Politik notwendig. Eltern sollten – und da könnte sich auch die Kirche einbringen – Druck ausüben, dass ein Rahmen gesetzt werde. Keine sozialen Medien unter 16 Jahren – so die Forderung der Therapeuten. Die Gesellschaft müsse Verantwortung übernehmen, um dem Grundrecht der Kinder auf eine gesunde Entwicklung gerecht werden zu können. Dass das Thema Eltern, Erzieher, Lehrer, aber auch Großeltern umtreibt, bewies die hohe Zahl der Teilnehmenden an der Veranstaltung, wie auch die zahlreichen Fragen, die in diesem Zusammenhang gestellt und diskutiert wurden.