Der DFR im Gespräch mit der Landtagsabgeordneten Ursula Sowa (Bündnis 90/Die Grünen)

v.l.: Petra Schuckert, Josef Weber, Beatrix Funk, Ursula Sowa, Christiane Kömm, Edgar Maul, Ursula Knitt. (c) Susanne Neubauer
v.l.: Petra Schuckert, Josef Weber, Beatrix Funk, Ursula Sowa, Christiane Kömm, Edgar Maul, Ursula Knitt.
Datum:
Mo 11. Nov 2019
Von:
Susanne Neubauer

Frau Sowa war zu Gast beim Diözesanfamilienrat in Bamberg. Dort wurden wichtige Themen wie Kinderbetreuung, die Wahlfreiheit der Eltern und der Wohnraum für Familien beleuchtet.

Ein Thema, das dem Diözesanfamilienrat besonders am Herzen liegt, ist die Wahlfreiheit der Eltern, da diese sich häufig zwischen Karriere und Familie entscheiden müssen. Die Illusion, Familie und Beruf seien ganz leicht unter einen Hut zu bringen, gehe meist nicht nur zu Lasten der Kinder und des Familienlebens, sondern vor allem zu Lasten der Mütter, die meistens den Hauptanteil der Familienarbeit übernehmen. So äußerte sich der DIHK-Präsident Dr. Schweitzer, dass Mütter in Vollzeit arbeiten müssten, ohne zu beachten, dass sie Zuhause bereits einen Fulltime-Job haben. Bei Familien müsste dies somit bedeuten, dass die Berufstätigkeit der Mütter steige und die der Väter sinke, was in der Praxis noch nicht der Fall ist. Außerdem ist es wichtig, vor allem in der Kinderbetreuung auf eine hohe Qualität zu achten, jedoch fehlen ausreichend Erzieher. Um dies zu erreichen, müsse laut Sowa eine bessere Bezahlung der Betreuer und eine hochwertigere Ausbildung geschaffen werden. Der Diözesanfamilienrat sieht hier in erster Linie die fehlende Anerkennung von Pflege- und Fürsorgearbeit als Problem; mittlerweile nicht nur im häuslichen, sondern auch im beruflichen Kontext. 

Die politische Realisierung einer 24-Stunden-Betreuung, die z. B. von Eltern in Schichtarbeit oder in Pflegeberufen in Anspruch genommen werden soll, sieht der Diözesanfamilienrat durchaus kritisch. So sei dies lediglich Blendwerk. "Wenn die Mutter ihr Kind am Morgen aus der Betreuung abholt, nachdem sie acht Stunden gearbeitet hat, bleibt die Frage, wann die Mutter sich ihre Ruhezeit nehmen soll", bemerkt die Diözesanvorsitzende Christiane Kömm. Sie verweist darauf, dass auch die skandinavischen Länder, die lange Zeit als Vorbild in Sachen Kinderbetreuung galten, mittlerweile auf Anraten von Bindungspsychologen zurückrudern. 

Die Frage sei doch, wie man Qualität beurteile, wurde von Seiten des DFR angemerkt. Es gehe nicht darum, dass Kinder lediglich verwahrt würden, sondern eine qualitativ hochwertige Kinderbetreuung müsse sich auch um die Seele der Kinder kümmern. Dem stimmt Frau Sowa zu, nur wolle sie von der 24-Stunden-Betreuung nicht komplett abrücken. Das Angebot zumindest müsse bleiben, auch wenn in der Kinderbetreuung ein gesundes Mittelmaß gefunden werden muss. So plädierte sie für die Gleichberechtigung der Elternteile und zur Vermeidung von Altersarmut bei Müttern für Lebenszeitkonten oder bei Alleinerziehenden für eine steuerliche Entlastung, um den finanziellen Druck zu mindern. Besonders wichtig ist ihr, dass nicht nur das "klassische Familienmodell" in den Vordergrund gerückt wird, sondern auch andere Formen des Zusammenlebens sollten im Familienbund präsent sein. Bezüglich der Mehrkosten für den Staat bei einer besseren Qualität der Kinderbetreuung merkte der Diözesanfamilienrat an, dass man auch die Folgekosten unzureichender Kinderbetreuung im Blick haben müsse. 

Für Frau Sowa, die selbst als Architektin tätig war, ist ein ganz entscheidender Aspekt der Wohnraum für Familien. Dort gäbe es drei Faktoren zu beachten: den Bauherren, die Bodenpreise und die Baustoffe, die ökologisch und nachhaltig sein müssen. Sie nennt hierfür das entstehende Stadtquartier am Prinz-Eugen-Park in München als Beispiel, welches in Holzbauweise gefertigt eine Mitpreisdeckelung aufweist, sodass Wohnungen auch für Familien in der Stadt erschwinglich sind. So stellte sie klar, dass bei Neubauten die Kommunen mit in die Verantwortung gezogen werden müssen. Bei Bestand schlägt Fr. Sowa eine Tauschbörse ohne Makler vor, die es zum Beispiel älteren Ehepaaren ermöglicht, ihre große Wohnung auf dem Land mit einer Familie zu tauschen, die sich in einer viel zu kleinen Wohnung in der Stadt eingerichtet hat. Auch bei den Wohnformen sei umzudenken. So entwickle sich immer mehr die Quartiersstruktur heraus, die auch beispielhaft für das generationsübergreifende Zusammenleben sei. Von Seiten des Diözesanfamilienrates wird das Projekt "Wohnen für Hilfe" genannt, bei dem Studenten gegen Hilfsleistungen z. B. im Haushalt mietfrei oder für geringe Miete bei älteren Menschen wohnen dürfen. Dieses Modell stelle eine Win-Win-Situation für beide Parteien dar, werde aber von der Politik erschwert und nicht ausreichend gefördert. 

Die Schulgebäude müssten stärker in den Blickpunkt rücken. So gelten diese als "dritter Pädagoge"; hier sei jedoch ein enormer Investitionsstau festzustellen, so Sowa. So wolle die bayerische Staatsregierung zwar die Wissenschaft fördern, das Geld solle aber zumeist in Hochschulen und nicht in Schulen fließen. Als positives Beispiel nannte der Diözesanfamilienrat die katholischen Schulen in Bamberg, die in den letzten Jahren aufwendig saniert wurden. In der Schulpolitik sei auch die Frage der Wahlfreiheit enthalten, wie der Diözesanfamilienrat betont. So sei das Konzept der Ganztagsschule auf dem Land weniger gefragt als in der Stadt. Generell sind solche Angebote in ihrer Durchführung zu überdenken. Laut Sowa sei die offene Ganztagsschule leider nur ein Sparmodell, das insgesamt seit jeher nicht ausreichend finanziell ausgestattet ist.  

Auch der Schulbeginn um 9.00 Uhr wird vom Diözesanfamilienrat kritisch gesehen. So sei dies gerade für Eltern, die berufstätig sind, schwierig. Auch der Bezug innerhalb der Debatte auf den Biorhythmus der Kinder scheint fragwürdig. 

Der Diözesanfamilienrat dankt Frau Sowa für das interessante Gespräch und möchte weiterhin mit ihr in Kontakt bleiben.