Bamberg – Die Zeiten für Familien sind nicht einfach. „Das geht gar nicht“, äußerte sich die Vorsitzende des Familienbundes der Katholiken, Christiane Kömm, enttäuscht zur Abschaffung des Familiengeldes. „Geld darf den Familien nicht weggenommen werden“, sagte sie bei der jüngsten familienpolitischen Jahrestagung im Bistumshaus St. Otto in
Bamberg. Denn nach Ansicht des Familienbundes, sollte es für Familien „Wahlfreiheit“ geben, die Kleinsten in eine Kita zu geben oder zuhause zu erziehen. Politik sollte diese Freiheit der Entscheidung zulassen.
Politik steht den Familien gegenüber in der Verantwortung, sagte auch Dr. Ana Hoffmeister in ihrem Vortrag zum Thema „Future Family. Familien am Limit – neue Impulse für mehr Vereinbarkeit“. Sie warf einen Blick auf den Kosmos Familie und ihre Bedeutung für die Gesellschaft, denn: „Was in Familien funktioniert, wird auch in der Gesellschaft
funktionieren.“ Familien seien das Herz und die Zukunft der Demokratie. Ana Hoffmeister kam in Teheran zur Welt. Nach der Flucht vor dem Golfkrieg lebte sie mit ihren Eltern in einem Dorf bei Tübingen. Dort wurde die Familie gut aufgenommen. Das neue Umfeld kümmerte sich um die junge Familie, die von den Nachbarn unterstützt in die Zukunft starten konnte.
Wandel der Familienstrukturen
Bei vielen Familien sieht dies jedoch anders aus. Hoffmeister beschrieb einige Aspekte des Wandels der Familienstrukturen. Großfamiliäre Zusammenhänge lösten sich auf. Da Großeltern und Enkelkinder seltener an einem Ort lebten, würden Traditionen und Rituale seltener weitergegeben. Die Fähigkeit sich in andere Generationen hineinzuversetzen gehe verloren und die Kenntnis über das, was vorhergehende Generationen prägte. Zugleich gehe damit auch ein Ort verloren, an dem andere Meinungen geäußert, gehört und ausgehalten werden. Die Sehnsucht nach Familie und generationenübergreifendem Zusammensein sei jedoch heute vorhanden. Für über 90 Prozent der Bevölkerung sei sie wichtig. Auch junge Menschen stimmten dem zu. Doch passten Wunschdenken und Realität nicht zusammen. Zwar beschäftigten sich heute Väter rund eine Stunde mehr mit ihren Kindern als noch vor 60 Jahren, und mehr Männer nutzten ihren Anspruch auf Elternzeit, aber eine Teilzeitbeschäftigung suchten nur wenige. Wenig Familienzeit bleibe auch, da Kinder tagsüber die Kitas besuchten. 95 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen würden dort betreut.
Und dennoch seien Eltern erschöpft, befänden sich am Limit. Dies liege zum einen daran, dass die Systeme, das Bildungs- wie auch das Pflegesystem ebenfalls am Limit arbeiteten. Fachkräftemangel wirke sich immer auch auf Familien aus. Zum anderen seien nach Aussage der Referentin die Erwartungen der Eltern an die eigenen Kräfte hoch, daran, alles gleichzeitig zu schaffen, Berufstätigkeit und eine gute Erziehung der Kinder.
Mit unangenehmen Situationen umgehen lernen
Hoffmeister kritisierte in diesem Zusammenhang, dass häufig das Ego der Kinder im Vordergrund stehe, statt den Kleinen zuzumuten, auch einmal mit unangenehmen Situationen umgehen zu lernen. „Familie funktioniert nur, wenn man lernt Gefühle auch aufzuschieben.“ Eltern sollten bei der Erziehung wieder mehr Führungsfähigkeit entwickeln, wünschte sich die Referentin, die auf Führungsebene für Unternehmen gearbeitet hat und sich nun als Beraterin in Workshops für ein stärkeres betriebliches und gesellschaftliches Familienbewusstsein einsetzt. Zugleich sollten sich Eltern für externe Impulse öffnen und sich in Problemsituationen Unterstützung durch andere Eltern suchen, wie in einem Dorf, in dem man Erziehung auf mehrere Schultern verlagern kann. Die Referentin hält auch neue Wohnformen für wichtig, die Begegnungsräume schaffen sollten.
Unbedingt wichtig ist Hoffmeister ein zuversichtlicher Blick auf Gegenwart und Zukunft. Dies biete Schutz vor mentaler Erkrankung. Wie spreche ich diesbezüglich mit meinen Kindern? „Wir wollen doch, dass sie Lust auf Zukunft haben.“ Sie seien diejenigen, die als Erwachsene die Zukunft prägen werden, die dann als Verantwortliche durch Krisen führen müssten. „Machen wir unsere Kinder krisenfest, und zeigen wir ihnen, dass sie mit ihrer Freiheit verantwortlich umgehen lernen.“
Die Jahrestagung endete mit einem geistlichen Abschluss in der Kapelle des Bistumshauses, in die auch die Kinder, die zuvor betreut wurden, einbezogen wurden. Die Gestaltung hatte der geistliche Begleiter des Familienbundes, Mathias Schaller, übernommen.
Ana Hoffmeister hat unter dem Titel ihres Vortrags „Future Family. Familien am Limit – neue Impulse für mehr Vereinbarkeit“ auch ein Buch geschrieben. Ihr Podcast „Future Family – Generation Familie & Beruf“ ist auf den gängigen Podcast-Plattformen abrufbar.